Bewegungsforschung 1

Wir überlegten, wie wir unsere Bewegungsforschung beginnen und welche Perspektive wir einnehmen sollten. Ein Video, das großen Eindruck auf uns gemacht hatte, war “Let the Cat Out” von der „Parkinson’s Disease Society“. Wir fanden, dass der Denkprozess der Bewegungsanalyse von einer Person mit Parkinson, den das Video zeigt, viel mit der Bewegungsanalyse eines Tänzers gemein hat und beschlossen, dies als Ausgangspunkt für unsere Arbeit zu nehmen. Wir begannen damit, uns direkt der Symptome der Parkinson-Krankheit anzunehmen, indem wir jedes Symptom in eine physische Aufgabe „übersetzten“, an der wir mit unseren eigenen Körpern arbeiten konnten.

Wir begannen mit drei Symptomen:

1 . Langsamkeit der Bewegung (Bradykinese). Dieses Symptom wirkt sich auf die Fähigkeit aus, eine Bewegung zu starten (Initiation), reduziert die Größe der Bewegung (Amplitude) und die Koordination der Bewegung (Sequenzierung). Das Symptom betrifft die erlernten willentlichen Aktionen einer Person.

2 . Tremor. Dieses Symptom wird oft zunächst in den Händen wahrgenommen, meist in im Ruhezustand.

3 . Steifheit/Starre. Eine Steifheit oder Starre kann überall im Körper vorkommen und schwankt im Laufe des Tages. Dieses Symptom bewirkt die Unfähigkeit, komplette Muskelentspannung zu erreichen.

Die „Übersetzung“ der drei Symptome in physische Aufgaben:

1. Langsamkeit der Bewegung – Diese Aufgabe besteht aus vier Schritten: A. Intention (was für eine Bewegung ist beabsichtigt) B. Visualisierung (Visualisierung der beabsichtigten Bewegung) C. Analyse (Analyse aller mechanischen Schritte, die zur Durchführung dieser Bewegung benötigt werden) D. Aktion (das Ausführen der tatsächlichen beabsichtigten Bewegung nach jedem Schritt der in C verstandenen Analyse) Zusatzaufgabe: Von der Bewegung können nur 50 % der vollständig bestimmten Größe (Amplitude) ausgeführt werden.

2. Tremor: Diese Aufgabe besteht aus den gleichen vier Schritten wie in Aufgabe 1. Zusatzaufgabe: Sobald Schritt D (Aktion) begonnen wird, beginnt ein Tremor in dem aktivierten Körperteil. Das Zittern kann in eine neu initiierte Bewegung irgendwo anders im Körper übergehen oder andauern, während ein neuer Teil des Körpers zu zittern beginnt. Das Zittern könnte auch im gesamten Körper bleiben, wie ein laufender Motor, während verschiedene isolierte Aktionen des Zitterns auf ihm durchgeführt werden.

3. Steifheit/Starre – Diese Aufgabe besteht aus fünf Schritten: A. Entscheiden, wo im Körper die Steifheit/Starre stattfindet. Es kann ein größerer oder kleinerer Teil des Körpers, oder auch ein einzelner Muskel sein. B. Intention (was ist die beabsichtigte Bewegung) C. Visualisierung (Visualisierung der beabsichtigten Bewegung) D. Analyse (Analyse aller mechanischen Schritte, die zur Durchführung dieser Bewegung mit der derzeitigen Steifheit benötigt werden) E. Aktion (das Ausführen der tatsächlichen beabsichtigten Bewegung nach jedem Schritt der in D verstandenen Analyse mit der Hürde der Steifheit) Zusatzaufgabe: Die Entscheidung, den Ort der Steifigkeit zu verändern, kann jederzeit passieren und schnell wechseln.

Unsere Reflexionen:

Indem wir uns auf diese Aufgaben einließen, erlebten wir eine geistige und körperliche Ausgelaugtheit und Erschöpfung. Diese wurde auch von Jannika empfunden, die uns bei den einzelnen Aufgaben beobachtete. Jede der drei Aufgaben dauerte (jeweils) 40 Minuten. Wie im Video „Let the Cat Out“ demonstriert, fanden wir, dass einer der Hauptgründe für die Erschöpfung der mentale Teil jeder Aufgabe war, die Schritte, die vor der eigentlichen physischen Aktion durchgeführt werden.

Unsere Aufgaben erzeugten einige Fragen:

Was bedeutet es, wenn ein unkontrolliertes Symptom einer Krankheit auf den kontrollierten und flexiblen Körper eines Tänzers trifft? Tragen wir vom Ansehen der Bewegungen unserer Teilnehmer mit der Parkinson-Krankheit eine unbewusste körperliche Erinnerung in uns, und steht das im Zusammenhang mit der Theorie der Spiegelneuronen?

Was erzeugen diese Aufgaben für uns als physisches Material? Finden wir Material, das wir in eine choreographische Richtung mitnehmen wollen? Oder ist es lediglich ein Weg für uns, mehr zu verstehen, wenn wir unsere Workshop-Teilnehmer mit Parkinson treffen?

Wenn wir es in eine choreografische performative Richtung mitnehmen, ist es dann, um die Wahrnehmung der unerwünschten Körper in der Gesellschaft zu zeigen? Oder geht es dann um eine Rekontextualisierung in die „bekannte“ Vorstellung von Schönheit? Oder in eine „neue“ Idee vom Schönheit? Oder ist es für Menschen mit Parkinson gedacht, damit sie diese Symptome aus einer anderen Perspektive sehen können? Dringen wir bei der Verkörperung der Symptome in ethische Fragen ein?

Mia und Monica

2 Gedanken zu „Bewegungsforschung 1

  1. Der Zwischenraum im Körper – eine Gedankenschilderung

    Wir bewegen uns in Räumen. Wir durchlaufen sie, schreiten über den Untergrund und ertasten die Umgrenzungen mit unseren Sinnen. Subtil ist unser Bezug zum Raum. Im Alltag sind wir in jedem Moment in den Raum eingegliedert, ohne darüber Bescheid wissen zu müssen. Gehen wir beispielsweise durch einen Torbogen, so gehen wir eine spontane Beziehung mit diesem ein. Unser Körper nimmt Bezug auf die Körperlichkeit des Gemäuers. Zwei Körper treffen einander und stimmen sich aufeinander ab. Aber auch dies wird nicht mit den Gedanken verfolgt oder gar erst ermöglicht, sondern all das geschieht schlicht unweigerlich mit uns. So geschieht es, dass wir nicht an die Mauer stoßen, sondern wir nehmen die Geste des Tors entgehen und schreiten durch das Tor hindurch. Wir ergreifen den Weg, der zwischen den Wänden liegt. Ist der Bogen anmutig, so verlangsamen wir sogar unsere Schritte. Der Umgang mit Räumen findet statt und wir müssen nicht mit unseren Gedanken bei dieser Beziehung sein. Doch wir können uns dieser Beziehung bewusst werden – auf verschiedene Weise. Ein Künstler kann diese Beziehung intensivieren, einen geführten Dialog zwischen sich und dem Umgebenen herstellen. Ein Anderer wird sich dieser Beziehung bewusst, wenn der eigene Körper beginnt, der Beziehung zum Raum zu trotzen. Der Künstler kann die Beziehung frei gestalten, er geht von der gegebenen, uns unbewussten Beziehung aus und greift diese dann künstlerisch auf. Doch es ist auch möglich, dass man sogar vor diese natürliche Beziehung zurückfällt.
    Letzteres meine ich bei Menschen, welche von sich wissen, dass sie an Parkinson erkrankt sind, beobachten zu können. Sie scheinen nicht mehr mit dem Raum behände und selbstverständlich umgehen zu können, sondern die Beziehung zwischen dem eigenen Körper und dem Umraum wird aufgebrochen und es entsteht ein nicht zu überwindender Zwischenraum. Das Anschmiegen an die Konturen der Gegenstände weicht einer Kränkung, welche durch die schwierig gewordene Beziehung zum Umraum entsteht. Die Hand kann nicht mehr an der Wand des Bogens entlang gleiten, wie sie es normalerweise vermag und es sich wünscht. Der Kontakt wird gebrochen. Allein den Arm zu heben, fällt schwer, aber auch die Berührungen werden durch mögliches Zittern unterbrochen. Die Hingabe an das Gemäuer wird durch den Zwischenbereich behindert, eine Anpassung findet nicht statt.
    Diesen Zwischenraum kenne ich eigentlich nur, wenn ich mich gedanklich betätige. Das Denken lässt dann einen Raum zwischen den Körpern entstehen. Schreite ich als Denkender zu einem Torbogen, so lebe ich nicht die unmittelbare, unbedachte körperliche Beziehung, die sogleich entsteht, sondern ich löse mich von dieser Beziehung und denke über den Torbogen dort vor mir nach. Nicht intensiviere ich die Beziehung, sondern ich entkopple sie. Eine innere Anspannung scheint mit dem Denken einherzugehen, welche mir möglicherweise erst erlaubt, die Dinge von außen zu betrachten, da eine entspannte Hingebung fehlt.
    Wenn ich die Bewegungen beobachte, wie sie unter Parkinson ausgeführt werden, so erscheint mir der Zwischenraum nicht mehr nur Eigenart des Denkens zu sein, sondern mir scheint, der Körper übernähme gleichsam diesen Charakter. Selbst der Körper scheint in eine Distanz zu treten. Die innere Anspannung, die beim Denken gespürt werden kann, ergreift nicht mehr nur den Nacken, die Schultern. Das Gedankenzittern scheint sich auf den Körper auszudehnen, wenn ein Mensch an Parkinson erkrankt. Es ist, als ob der Rumpf und die Gliedmaßen, werden diese von Parkinson ergriffen, zu sehr zum Gehirn werden würden.

    Julia Sophia Voigt

    • Das ist wirklich eine sehr Poetische Umschreibung, aber gut beobachtet!
      Jedoch ist es nicht immer das „GedankenZITTERN“ (Tremor) was die natürliche Bewegungsart hemmt: Bei mir ist es der Rigor, oder um die Ausdrucksweise beizubehalten, die „GedankenSTARRE“, die es mir (immer öfters) erschwert fließend durch einen Raum zu gehen. Mein Bein hängt nach, mein Fuß schleift am Boden, ich strauchle ohne das ein Hindernis vorhanden ist…bin sogar schon hingefallen…diese verflixte Starre kommt aus dem Nichts, so scheint es, ohne ersichtlichen Grund….und wenn man (wie ich, sagt man) noch einigermaßen Gesund aussieht, dann ist die Folge davon das die Umwelt einem für Alkoholisiert hält.
      Das ich Parkinson habe, damit habe ich mich abgefunden,
      Aber solche Situationen/ Reaktionen sind nicht gerade gut fürs seelische Wohlbefinden.
      Ich besitze einen Button (Anstecknadel, Brosche) mit der Aufschrift
      „Ich bin nicht besoffen, ich habe Parkinson“ in knallgelb. Sollte ich diese etwa tragen????? Wäre für jede hilfreiche Idee dankbar!
      Renée

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