Workshop zu Bewegung und Wissenschaft in Tel Aviv

Die Kombination von Tanz und Wissenschaft scheint im Moment in der Luft zu liegen: Am 5. März fand am Weizmann Institute of Science in Rehovot bei Tel Aviv ein Workshop statt, der die Verbindungen zwischen Bewegung und Wissenschaft untersuchte. Gemeinsam mit Sabrina Livanec habe ich an der Konferenz teilgenommen. Nebenbei konnte ich so auch einige unserer wissenschaftlichen und künstlerischen Kollegen in Tel Aviv wiedersehen.

„Ich will bessere Wissenschaft machen, und Tanz kann mir dabei helfen“, erklärte mir Prof. Atan Gross, Zellbiologe am Institut und Initiator des Treffens. Atan hatte den Tänzer Shahar Biniamini und die Tänzerin Shani Garfinkel ans Institut geholt, um Tanzkurse für Studenten anzubieten. Das war der Anfang dieses Unternehmens, und die Konferenz sollte Gelegenheit zu einem Rückblick und zu einer Präsentation dieses Ansatzes bieten. Der Einladung waren dann auch sowohl Forschende als auch Tänzerinnen und Tänzer gefolgt – 150 bis 200 Menschen kamen an diesem Tag im Hörsaal zusammen. Shahar Biniamini und Shani Garfinkel erklärten uns, wie ihr Kurs mit den Studierenden abläuft: Dass hier beispielsweise nicht versucht würde, eine mathematische Gleichung durch Tanz zu lösen, sondern Fragen, die beim Tanz aufkommen, mit zurück in die wissenschaftliche Arbeit zu nehmen. Die Kollision beider Welten als Ort zu verstehen, an dem man vorher noch nicht war und der dadurch neue Einsichten produzieren kann.

Den Einstieg zu den Vorträgen machte die Tänzerin und Choreographin Yasmeen Godder. Sie erklärte, wie sie künstlerische Forschung einsetzt, um ein Tanzstück für die Bühne zu entwickeln. Zum Beispiel greift sie die Arbeiten Bildender Künstler auf und lässt sie in eigene Stücke einfließen. Werke von Cindy Sherman und Hans Bremer inspirierten so einzelne Aspekte ihrer Choreografie „Two Playful Pink“. Yasmeen sagte auch etwas, das unsere Tänzerinnen bestimmt unterschreiben würden: Dass die Auseinandersetzung mit einem fremden Thema hilft, sich selbst besser zu verstehen. Im Unterschied zu den Wissenschaften will Yasmeen mit Ihrer Forschung eine Diskussion anregen und nicht definitive Antworten geben.

Prof. Tamar Flash vom Department of Mathematics and Computer Science des Weizmann-Instituts stellte anschließend ihre Forschung auf dem Gebiet der Bewegungskontrolle vor – grundlegende, auf Mathematik und Kernspin-Daten basierende Arbeiten, die einen starken Kontrast zu Yasmeens Präsentation schufen, und das Thema aus einem völlig anderen Winkel unter die Lupe nehmen. Tamar präsentierte ein paar der Antworten, die sie und ihr Team gefunden haben: Dass das Gehirn immer versucht, Bewegungen zu optimieren und so flüssig wie möglich zu gestalten, oder dass es dieselben geometrischen Prinzipien anwendet, egal wie groß oder klein eine Bewegung ist – und dass deshalb unsere Handschrift sich immer ähnelt, ob wir nun in ein Notizbuch oder an die Tafel schreiben. Durch Untersuchungen im Kernspin-Tomografen konnte Tamar auch zeigen, dass der Körper im Gehirn nicht nur an einem Ort von Nervenzellen als „Homunculus“ repräsentiert wird, sondern insgesamt zwölfmal an den unterschiedlichsten Stellen. Zudem versucht Tamar auch zu verstehen, wie Emotionen in Bewegungen ausgedrückt und wahrgenommen werden. Hierfür zeigt sie Menschen Filme, in denen nur die Körpersprache, nicht aber das Gesicht erkennbar ist.

Roni Zohar, Physikerin und Tänzerin, stellt anschließend Beispiele vor, wie ganz konkret naturwissenschaftliche Prinzipien – von der Mechanik bis zur Molekülbewegung – durch Tanz verständlich gemacht werden können. Beispiele zeigten, dass dies von der Grundschule bis zur Universität erfolgreich möglich ist.

Um nicht völlig im Theoretischen zu verharren, schlossen sich an die Vorträge mehrere Mini-Workshops an, in denen wir Konferenzteilnehmer selbst die vorgestellten Ideen ausprobieren konnten. Da wir zu zweit waren, konnten wir an unterschiedlichen Workshops teilnehmen. In meiner Gruppe war die Aufgabe, sich drei völlig unterschiedliche Bilder vorzustellen, diese durch Bewegung zu verkörpern und schließlich miteinander zu kombinieren – ob das bei diesen Bildern auf den ersten Blick möglich schien oder nicht. In Sabrinas Workshop ging es darum, sich von den Bewegungen und den damit verbundenen Emotionen des anderen spontan inspirieren zu lassen, dies in die eigene Bewegung und Gefühlslage zu integrieren und so die Grenzen der Identität zu überwinden.

Zu Ende ging die Konferenz mit der Aufführung von Stücken der beteiligten Künstler Shahar Biniamini, Yasmeen Godder, Iris Erez und Bosmat Nossan. Damit endete ein langer, sehr vielseitiger und bunter Tag, durch den Atan Gross und seine Mitstreiter einen guten Überblick verschafften, welches Potential in der Annäherung von Tanz und Wissenschaft steckt.

5. März 2014, Gunnar Grah

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