Die zweite Open Practice, 11.03.2014

Auch zu unserer zweiten Open Practice füllte sich die Kammerbühne schnell mit involvierten und interessierten Zuschauern. Nach einer kurzen Einführung in unser Projekt für alle neuen Gesichter gibt Oliver Müller einen Einblick in philosophische Theorien rund um die Zusammenhänge zwischen den Themen Selbst, Gehirn, Verkörperung und Bewegung.
Dabei kommen mehrere Fragen auf: Was ist denn das Selbst? Sind wir nichts weiter als unsere Gehirne/Nervensysteme? Oder sind wir verkörperte und eingebundene Gehirne, die zwar einen Teil unseres Selbstverständnisses ausmachen, aber keine ausreichende Erklärung bieten? Der nächste Aspekt, dem sich Oliver widmet, ist die Beeinflussung unseres Geistes/Bewusstseins durch unseren Körper: Inwieweit spielt dieser eine bewusste/reflektierte und inwiefern eine unbewusste/vorbewusste Rolle?
Auf jeden Fall prägen uns Körper und Bewegungen elementar, und daher rührt das Interesse des Philosophen, mit den Tänzerinnen zusammenzuarbeiten: Sieht man Bewegungen als eine Annäherungsweise an das Selbst, dann müssen sie dafür Experten sein.

Somit sind Mia und Monica an der Reihe, den tänzerischen Bereich des Projekts vorzustellen. Und wieder bekommt das Publikum Gelegenheit, eine der Übungen aus den Workshops für Menschen mit Parkinson am eigenen Körper auszuprobieren. Es handelt sich um eine Kreuzungs-Übung des Choreographen W. Forsythe, der sie – passenderweise – von einem Neurowissenschaftler gelernt hatte…
Als nächstes folgt wie schon bei der ersten Open Practice ein Einblick in die Studioarbeit der Tänzerinnen. Diesmal kombiniert die selbstgestellte Aufgabe jedoch zwei Symptome: Langsamkeit und die Notwendigkeit, jeden Bewegungsablauf  bis hinunter zur Ebene kleinster Bewegungselemente bewusst zu planen. Zusätzlich erlegen sich die Tänzerinnen auf, nach bestimmten Regeln auch ein Zittern in die Bewegung zu integrieren.

Nach dieser Demonstration der tänzerischen Forschung erhält Christoph Maurer das Wort. Er ist Neurologe am Universitätsklinikum und forscht an unterschiedlichen Bewegungsstörungen. Er erklärt, dass er in seiner Arbeit so vorgeht, als würde er Roboter konstruieren, die gesunde und kranke Menschen repräsentieren. Das heißt, er versucht die Physik, die Bewegungen zugrunde liegt, möglichst detailliert und allgemeingültig zu beschreiben. Außerdem bringt er uns einen grundlegenden Ansatz seiner Forschung nahe: Wenn man von außen eine Störung verursacht (Demonstration: Anstupsen von Gunnar), kann man durch die daraus resultierende Reaktion des Menschen (z.B. Ausweichen, Dagegenhalten, nicht ausgleichen können…) Regeln finden die verraten, welche Störung vorliegt. Christoph Maurer arbeitet auch viel mit Bewegungsaufnahmen, dem sogenannten „Motion Capture“. Hierfür tragen ein körperlich gesunder Mensch und ein Mensch mit einer Bewegungsstörung Sensoranzüge, während sie bestimmte Bewegungen ausführen. Die Sensoren registrieren genau die Bewegungen der Körperteile und liefern damit Daten, die später gemessen, verglichen und ausgewertet werden können.
Auf die Frage, was Dr. Maurer zur Demonstration der Tänzerinnen denkt, zeigt er sich von der offensichtlichen Parallelität zwischen den Arten der Analysen überrascht: Sowohl Monica und Mia als auch Dr. Maurer arbeiten mit der Zerlegung von Bewegungen in kleinste Teile, und die Regeln in den selbstgestellten Bewegungsaufgaben ähneln stark den Regeln zur Bewegungsanalyse. Später fügen die Tänzerinnen als Gemeinsamkeit der Forschungsweisen hinzu, dass sie sich dem Thema nicht von der ästhetischen Seite nähern, sondern sich einer klar definierten Logik unterwerfen.

Bald reißt das Gespräch zwischen den am Projekt Beteiligten auf und es kommen viele Einwürfe aus den Zuschauerreihen. Eine wichtige Frage kristallisiert sich heraus: Was ist die Verbindung zwischen den Workshops für die Menschen mit Parkinson und den Studiozeiten der Tänzerinnen? Darauf erklären die Tänzerinnen, dass sie Erfahrungen aus den Workshops mit ins Studio nehmen, um Aspekte und Beobachtungen in Aufgaben umzuformen, dass die Arbeit im Studio wiederum ihre Haltung für den nächsten Workshop verändert und dass all das eine engere Verbindung zwischen den professionellen Tänzerinnen und den Workshop-TänzerInnen schafft. Es scheint eine Übereinkunft zu herrschen, dass diese tänzerische Übersetzung nichts mit Imitation zu tun hat, und dass auch gerade das Einsetzen der tänzerischen Fähigkeiten eine Distanz schafft, um den Menschen mit Parkinson nicht zu nahe zu treten.

Nun kommen wir zurück auf das anfangs philosophisch betrachtete Thema der Persönlichkeit und des Selbst und die Frage, inwiefern diese sich mit einer körperlichen Krankheit verändern. Dass die Einschränkungen sich auch auf die Persönlichkeit auswirken, möchte keiner bestreiten, denn körperliche Einschränkungen beeinflussen ja auch die zur Verfügung stehenden Freiheitsgrade (Geschwindigkeit, Multitasking…) und die Möglichkeiten der Ausdrucksweise. Doch da kommen wir mit gutem Gefühl auf einen unserer Ausgangspunkte: Und genau das ist, wo mit Tanz etwas zu erreichen ist!

Außerdem wird in den Raum geworfen, dass das Schöne an der tänzerischen Annäherung ist, dass sie nicht wie die wissenschaftliche zwischen gesund und krank vergleicht. Durch die dargestellte Langsamkeit kann man zwar die Krankheit und das Fehlen der gewohnten Effizienz sehen – doch was, wenn dies gar nicht falsch wäre; was, wenn Effizienz und unsere Normalität gar nicht sein müssten? Das ist eine andere Art von Freiheit und Schönheit, die man im Dargestellten sehen kann!

Eine letzte Frage wird gestellt: Verändert diese Art des sich Bewegens die Wahrnehmung der Umwelt? Und die Antwort ist eindeutig: ja. Dieses konzentrierte und langsame Bewegen wirkt sich darauf aus, wie man andere Menschen wahrnimmt, in welcher Weise man mit ihnen fühlt, und auch mit wem man sich identifiziert.

Hiermit endet erneut ein interessanter Abend des Austauschs zwischen verschiedensten Berufsfeldern und persönlichen Lebenserfahrungen – vielen Dank an Alle für ihr Interesse und ihre Offenheit! Wir würden uns sehr freuen, Sie bei der letzten Open Practice am Donnerstag dem 03. April und bei unseren Präsentationstagen vom 28. bis 31. Mai wieder zu sehen und von Ihnen zu hören!

Jannika

3 Gedanken zu „Die zweite Open Practice, 11.03.2014

  1. Ein Gedicht von mir…
    zwar nur eine „Momentaufnahme der Gefühle“, aber ich glaube es passt irgendwie doch zum Thema.
    Liebe Grüße von Renée

    Es geht einfach nicht….

    Möchte schlafen
    doch ich kann nicht
    obwohl ich doch so müde bin

    Möchte schreien
    doch es geht nicht
    Denke ich tu ’s, doch hört man ’s nicht

    Möchte rennen
    doch es geht nicht
    weil ich grad so langsam bin

    Möchte tanzen
    doch auch das geht nicht:
    der Rhythmus mir verloren ging

    Möchte reden
    doch ich tue ’s nicht
    weil ich so undeutlich bin
    (Außerdem
    habe ich „das“ Speichel Problem….)

    Sollte rausgehen
    doch ich mag nicht
    Man sagt das ich besoffen bin

    Muss es ertragen
    doch ich will nicht
    weil das gar nicht „ICH“ mehr bin…

  2. Es war großartig zu sehen, wie es Mia und Monica gelang, ihre Arbeit des „phyical thinking“ für uns Zuschauer sichtbar zu machen. Ausgehend von ihren Erfahrungen aus den Tanzklassen und im körperlichen Weiter“denken“ einzelner Symptome der Parkinson’schen Krankheit und dem Nachspüren im durch ihre „tasks“ veränderten Bewegungsraum haben sie einen künstlerischen Ausdruck dafür gefunden, wie Bewegung und Identität von Personen zusammenhängen könnten. Mia und Monica spielten keine „Kranken“ oder führten uns Symptome vor, sondern eröffneten einen Raum des Spürens und Denkens, der uns alle anregte, über den Erfahrungsraum von Bewegungen, Bewegungseinschränkungen zu diskutieren – und über die Frage, was das mit unserem ICH zu tun hat (danke, Renée, für Dein Gedicht!)

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