Langsamkeit – ein Austausch mit Eko Supriyanto

Seit Beginn des BrainDance-Projektes beschäftigt uns das Thema Langsamkeit in seinen verschiedenen Facetten; ausgehend von einem Symptom von Parkinson über die tänzerische Umsetzung hin zu bewusst eingesetzter Langsamkeit und der Frage nach der Schönheit in ihr.

Heute haben wir Eko Supriyanto, einen indonesischen Tänzer und Choreographen getroffen, um uns mit ihm über verschiedene Konzepte von Langsamkeit auszutauschen.

Er erzählte uns von den höfischen Tänzen in Java, die aus sehr langsamen, präzisen Bewegungen innerhalb festgelegter Formen bestehen. Die Schönheit kann man im Grazilen oder in der ausgestrahlten Stärke, in der Synchronität der Tänzer und den genau ausgeführten Bewegungen finden. Bewegungen werden nicht miteinander vermischt, sondern von einander isoliert und sehr bewusst ausgeführt: Erst dreht sich langsam das Handgelenk, dann geht es zum Unterarm über, dann bewegt sich der Ellenbogen…

Nun kamen wir zu einer Praxis, die keine Darbietung für den König darstellt, sondern dem Tänzer als Übung dient. Sie nennt sich „Ziarah Rhgawi“. Das Wort „ziarah“ stammt von dem Ritual, das Grab eines Verstorbenen zu besuchen, „rhgawi“ leitet sich von den Worten Körper und Seele ab. Ein schönes Wort: den eigenen Körper und die eigene Seele besuchen.

In dieser Praxis geht es erneut darum, in Langsamkeit Bewegungen von einander isoliert und sehr bewusst auszuführen. Doch diesmal beendet man sie nicht an der bekannten „Schönheitsgrenze“, sondern vergrößert sie so weit, wie es einem möglich ist. Darin liegt die Schönheit.

Eko Supriyanto erzählte, dass er diese Art des Bewegens (langsame, von einander isolierte und bewusst ausgeführte Bewegungen) mit seinen Tanzschülern manchmal vierundzwanzig Stunden am Stück übt, und dass er sie selbst eine ganze Woche in einem Tempel praktiziert hat. Man verlangsamt sich selbst; einigen geht es darum, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Er meinte, nach dieser Woche seien alle Beteiligten so auf die Entschleunigung eingestellt gewesen, dass ihnen der Rest der Welt viel zu rasant erschien.

Die Parallelen zwischen Ekos Erzählung und unseren Erfahrungen innerhalb des BrainDance-Projektes sind unverkennbar. Technisch geht es um präzise Isolierung von langsam ausgeführten Bewegungen und geistig um ein genaues Bewusstsein von den körperlichen Vorgängen. Außerdem entsteht ein Aufeinandertreffen von äußerem Erscheinungsbild und innerer Wahrnehmung. Hierbei stellen sich die Fragen nach Ästhetik und unterschiedlichen Konzepten von Schönheit.

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