Dritte Open Practice, 03.04.2014

Zu unserer dritten und letzten Open Practice durften wir wieder Publikum aus den verschiedensten Kontexten begrüßen. Nachdem der Aufbau unseres Projektes erklärt war, wandten wir uns dem Fokus des heutigen Abends zu: dem tänzerischen Bereich. Als kleinen Einblick in die Workshops für Menschen mit Parkinson vollführte das Publikum gemeinsam eine Tanzübung, was sich auf solch engem Raum als gar nicht so einfach erwies. Dann kamen Monica und Mia auf ihren aktuellen Stand der Bewegungsforschung im Studio zu sprechen.

Nachdem sie sich lange Zeit mit den zu tänzerischen Aufgaben transformierten Symptomen beschäftigt haben, ist nun noch eine weitere Ebene dazugekommen, die von philosophischer Seite her schon lange präsent ist: die Person selbst, Identität und Selbstreflexion. Die Workshop-Tänzerin Renée M. Akargider hat ihre zur Krankheitssituation verfassten Gedichte Mia und Monica zum tänzerischen Forschen zur Verfügung gestellt (s. vier der Gedichte unten).

Nun wurde die Bühne mithilfe von zwei Streifen Klebeband in vier Boxen aufgeteilt: Zwei Symptom- und zwei Gedichtboxen. Für die nächsten dreißig Minuten erlebten wir einen Wechsel aus Langsamkeit und von den Gedichten inspirierten Bewegungen. Die Stille breitete sich sofort auch im Publikum aus und auch von unserer Seite schien jedes Geräusch und die kleinste Bewegung vom ganzen Raum wahrgenommen zu werden. Am Ende dieser Darstellung wurde Philosoph Oliver Müller um eine erste spontane Reaktion gebeten. Er meinte, für ihn sei die Langsamkeitsaufgabe sehr introspektiv, die neu dazu gekommene Gedichtaufgabe bilde dazu das Gegenstück, indem die Tänzerinnen sich hier viel mehr mit dem Raum auseinandersetzten.

Doch was sagt der Rest des Publikums dazu? Eine erste Reaktion war die Frage, warum Monica und Mia so die Forschung betonten, und die Darstellung dieser nicht als Performance bezeichnen wollten – ist es nicht automatisch eine Performance, wenn man sich vor Zuschauern auf eine Bühne stellt? Diese Gefahr des Hineingleitens ins Performen ist tatsächlich heikler, seit zu den sehr technischen Symptom-Aufgaben die Ebene von körperlichen und seelischen Zuständen hinzukam. Monica und Mia hatten bewusst entschieden, die Gedichte mit einer größeren Offenheit anzugehen. Auch das Zusammensetzen der zwei scheinbar völlig gegensätzlichen Aufgaben war entschieden worden, um weiteren Dialog zum Thema Parkinson und Krankheit anzuregen.

Eine Tänzerin aus den Tanzstunden von Monica und Mia äußerte, sie sei sehr froh um die Erweiterung um das Menschliche, diesen Teil hätte sie bisher vermisst. Eine andere Tänzerin betonte, auch die Langsamkeit sehe sie sehr gut dargestellt, und erzählte von der Notwendigkeit, alles vorzuplanen und von dem Frust, nie alles zu schaffen. Eine Zuschauerin zeigte sich bewegt, wie durch die zwei völlig unterschiedlichen Umsetzungen der zwei Tänzerinnen die Diversität der verschiedenen Krankheitsbilder vermittelt wurde. Dann wurde die Frage gestellt, was während der tänzerischen Umsetzung in Monicas und Mias Köpfen vorginge. Die beiden erklärten, dass die Langsamkeits-Aufgabe sich eher wie eine Trennung von Körper und Gehirn/Geist anfühlte, während die Gedicht-Aufgabe aus spontanen Assoziationen, Emotionen, Impulsen und Bildern entstand.

Nun kam der Moment, in dem die Autorin der Gedichte Renée M. Akargider nach vorne trat und das Gedicht „Trotz Rückschritt vorwärts gehen“ verlas. Vielen Dank dafür!

Im Anschluss wurde das Gespräch mit dem Publikum fortgesetzt. Es zeigte sich ein großes Interesse, mehr von den Tanzworkshops und von der Kooperation zwischen Kunst und Wissenschaft mitzubekommen. Doch stellte sich auch die Frage: Was macht die Wissenschaft und was bringt die Zusammenarbeit mit dem Tanz ihr überhaupt? Woraufhin die Wissenschaftler vom Publikum dazu angeregt wurden, tatsächlich mehr mitzutanzen.

Eine Zuschauerin äußerte, ihre Gedanken seien während der tänzerischen Darstellung um das Thema Verstehen gekreist. Für sie sei die Vermischung von dem Versuch, sich etwas anderes anzueignen oder anzunähern mit den während der dreißig Minuten unbewusst vermittelten Informationen über die Tänzerinnen selbst sehr berührend gewesen. Daraufhin folgte die Frage, wie Mia und Monica denn mit der Vorbereitung angefangen hätten, um Menschen mit Parkinson nachvollziehen zu können. Eine Krankheit kann man doch nicht wirklich nachvollziehen, wenn man sie nicht selbst hat. Das bestätigen die Tänzerinnen: Wir wollen nicht so tun, als würden wir es wirklich verstehen, wir versuchen uns nur anzunähern, indem wir Symptome in Aufgaben verwandeln, sodass wir diese am eigenen Körper erleben können, um möglicherweise kleine Informationen darüber zu erhalten, was es heißen könnte, Parkinson zu haben.

 

Gedichte von Renée M. Akargider

Trotz Rückschritt vorwärts gehen

Seit kurzem geht es mir nicht gut!
Bin krank… und es ist chronisch!
Manchmal verspür´ ich deshalb Wut,
manchmal macht´s melancholisch.
Mein Bewegungsapparat
ja, der macht leider was er will…
Auch wenn ich es gern möchte,
er steht einfach nicht still!

Erst jetzt wird mir langsam bewusst
wie wertvoll doch Gesundheit ist…
Denn Krankheit verursacht oft auch Frust
und dabei man nicht glücklich ist!
Möchte mich aber nicht beklagen,
obwohl ich manchmal stöhn:
mein Leben war bisher sehr schön!

Möcht´ nur auf diesem Wege sagen:

Trotz Rückschritt will ich vorwärts gehen.
Zwar nicht so wie ich´s mir gedacht!
Es liegt dran was man daraus macht!
Neue Situation?
Du wirst es sehen:
Irgendwie geht das schon!
(Das wäre ja gelacht!!!)

 

W W W
oder auch
 Was wäre wenn?

Würde es die Zeit nicht geben:
Blieb dann alles wie es ist?
Nichts wäre mehr zeitgebunden
Nichts wäre mehr zeitgemäß
Alles wäre zeitlos eben!
 Alles gleich, solang Du bist?
Es ist zwar nur `ne Überlegung,
doch könnte man dann vorwärts gehen?
Würde man auf der Stelle treten?
Könnte irgendwas geschehen?
Gäb‘ es überhaupt Bewegung?
(um ’ne Antwort wird gebeten)
Immerzu nur Gegenwart
ohne Zukunft und Geschichte
Nie mehr ein 3 Tage Bart! 😦
Keine Meldungen, Berichte
Keine Freude
Nicht mal Leid
Nur Totenstarre
und Gleichgültigkeit
Alles aus
doch nie vorbei
Wenn es Zeit nicht geben würde
wär‘ dann alles einerlei?
Doch das ist alles spekuliert…
Denn die Zeit hat triumphiert
schon seit Anbeginn der Menschheit
gibt es sie…
Allzeit zum Wandel bereit
Trägt gerne mal ein neues Kleid
Und befreit
von der Hoffnungslosigkeit
Trotz Befristung
voller Bewegung
in dem Bestreben
sein Leben zu leben
in Heiterkeit

 

Traum

Ich hatte einen schönen Traum
Träumte von alten Zeiten
Erzählen möchte ich dir davon
in allen Einzelheiten

Damals das war ne schöne Zeit
da war ich noch gesund
und kannte weder Schmerz noch Leid
Dann kam der Arztbefund

Die guten Zeiten sind vorbei
Da kann man nichts mehr machen
Ein Lichtblick gibt es ab und zu
Da freu ich mich, kann lachen

Der Lichtblick kommt oft unverhofft
und mitten in der Nacht
So ganz real so wie es war
vom Sandmann mir gebracht

Ich springe dann hüpf wie ein Kind
und renn so fest ich kann
Dass mir das nicht mehr möglich ist
da denk ich nicht mal dran

In meinem Traum vergesse ich
wie krank ich eigentlich bin
Da macht das Leben wieder Spaß
Hat wieder einen Sinn

Ich tanz mit dir einen wilden Tanz
und schau dir ins Gesicht
Verliere mich in Zeit und Raum….
und find den Ausgang nicht

Ich irr herum, so viele Farben
Es ist hier wunderschön
Ich wünschte mir ich könnte bleiben
Ich glaub ich würd nicht gehen
Da schaut ein Mann zu mir herüber
Der Sandmann kann´s  nicht sein
Er stellt sich vor als Sensenmann
Reicht mir ein Gläschen Wein

Danach reicht er mir seine Hand
als würde er tanzen wollen
Doch führt er mich auf einmal weg
Das hätte er nicht tun sollen

Das geht zu weit, er fragt nicht mal
das finde ich schon frech
Drum reiß ich mich nun los von ihm
Da hat er eben Pech

Hab´s nicht gewusst. Nun weiß ich es:
Der Mann der bringt den Tod
Bei mir hat er sich wohl vertan
denk ich beim Frühstücksbrot

Einen Vorteil hat der Irrtum doch
Nun ist er mir bekannt
Beim nächsten Mal da geh ich mit
wenn er reicht mir die Hand

Doch vorher tanz ich noch einmal
Das wird er mir doch gönnen
Er sah eigentlich freundlich aus
und tanzen wird er können

Fazit:
Kommt anstatt des Sandmannes
also der Sensenmann
dann kommt das Unvermeidliche
Du segnest dann das Zeitliche
Denn irgendwann kommt jeder dran

Zum Glück weiß keiner wann!

 

Hassgefühle

Mein Bestreben?
Ich will Leben!
Mein Verlangen?
Nicht zu bangen!
Mein Begehren?
Mich zu wehren!
Gegen was?
Gegen das was ich hass!
Und das ist Morbus Parkinson…
Den stoß ich bald von seinem Thron!
Das ist dann sein verdienter Lohn!
Dann liegt er da, kriegt Spott und Hohn!
Zu lang regiert er schon…
Doch nun ist Schluss:
Ich bring Ihn um,
Was muss das muss…

2 Gedanken zu „Dritte Open Practice, 03.04.2014

  1. Hallo alle zusammen!
    Ich möchte mich doch noch einmal zu Wort melden.
    Ich bin wirklich tief beeindruckt und immer noch erstaunt darüber wie die beiden Tänzerinnen Monica und Mia meine Gedichte so intensiv nachempfinden konnten! Tatsächlich habe ich 3 davon auf anhieb erkannt. Vor allem das von mir später vorgetragene Gedicht, so wie auch „Hassgefühle“ (übrigens mein allererstes M.P. Gedicht), fand ich sehr intensiv dargestellt.
    Nennt es Forschung oder Performance: Es hat bei mir auf jeden Fall genau das gleiche Gefühl ausgelöst wie ich es fühle in solchen Momenten…ich betrachte mich selber mit einer gewissen Distanz und versuche es jedesmal wieder zu verstehen: bin das wirklich ICH? Das kann ich doch gar nicht sein! Ist da in dem Gedicht von mir die Rede? Ich weiß natürlich das ich das bin…aber auch nach fast 6 Jahren kann ich es irgendwie immer noch nicht glauben das ich tatsächlich Parkinson habe! Es hört sich irgendwie nicht Normal an…(?), ich weiß, aber so ist es!
    Somit kann ich sagen das ich (in beiden Aufgaben!) mich selber dort auf der Bühne verkörpert sah…und das durch 2 unterschiedlichen Frauen die mich eigentlich gar nicht wirklich kennen… Das ist Intuition! DAS empfinde ich als Meister Leistung!!!!!
    Auch haben mich die Langsamkeits-Übungen in dem Sinne fasziniert, das sie verblüffende Ähnlichkeiten aufweist mit meine Art wie ich mich in solchen Phasen bewege gibt. Ohne Zweifel sind Mia und Monica mir sympathisch, aber in dem Moment empfand ich auch ein tiefes Mitgefühl / Empathie mit den Beiden. Wenn Ichs nicht besser gewusst hätte, dann wäre ich bestimmt aufgestanden und hätte den beiden wieder auf den Beinen geholfen! 🙂
    Ich bin nur ein Laie und bekenne das ich mich in die Welt des Theaters überhaupt nicht auskenne…auch weiß ich das ich nichts weiss / verstehe von Philosophie, geschweige denn das ich irgendeinen wissenschaftlichen Durchblick hätte …
    ABER:
    Verstanden werden und selber verstehen ohne das ein Wort gesagt wird, das ist leider selten heute! Die Körpersprache wird nicht mehr so richtig wahrgenommen. Dafür die Optik eines Menschen um so mehr. Es geht nur um Normen, ob jemand der Norm entspricht oder eben nicht: „Bewegt“ jemand sich (gewollt oder ungewollt) nicht im Rahmen dieser Normen, dann fällt das auf, dann wird das als Störend oder sogar unästhetisch empfunden. Ich persönlich bin hellhöriger geworden durch meine Erkrankung. Ein positiver Nebeneffekt würde ich sagen.
    Dabei tut so eine „unnormale“ Person doch niemanden etwas zu leide!
    Sympathie oder gar Empathie sind vielleicht zu viel verlangt, aber wie wärs mit „Consideration“? Oder Leben und Leben lassen? Etwas Toleranz?
    Denn ich habe mir diese Krankheit nicht ausgesucht…so etwas kann und würde man sich nicht aussuchen! Und es kann jeden Treffen! Obwohl ich es niemanden gönne!
    Jeder kennt wohl das Sprichwort: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg‘ auch keinem andern zu.“ Eine goldene Regel für das Zusammenleben von Menschen.
    Eigentlich eine christliche Regel, denn sie soll von Jesus höchstpersönlich stammen!
    Dabei hat Jesus es viel besser formuliert! Im Originaltext heißt es:
    „Wie ihr wollt, daß euch die Menschen tun sollen, tut auch ihr ihnen gleicherweise“.
    Oder eine modernere Übersetzung Formuliert es so:
    „Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt sein wollt.“
    Diese Regel ist mehr als nur Gold wert! Diese Regel ist aktiver und positiver:
    Sie setzt voraus das man selber mit gutem Beispiel voran geht, das man sich Gedanken macht, einfühlsam ist, Empathie zeigt, hilft wenn nötig! Das man sich gegenseitig stütz, ermuntert wenn nötig.
    Genau das erlebe ich bei diesem Projekt :
    Alle Beteiligte haben das gleiche Ziel und Arbeiten eng zusammen, hören einander zu, lernen voneinander, tauschen sich aus, forschen gemeinsam…und das nur damit sie kranke Menschen noch besser verstehen und dadurch in Zukunft noch praktischere Hilfe leisten können. Es ist mir eine Ehre bei diesem Projekt dabei sein zu dürfen.
    Liebe Grüße von Renée und sorry für den doch etwas langen Text!

    • Liebe Renée, vielen Dank für deine Kommentare! Wir schätzen, wie viel du mit uns geteilt haben und wir weiterhin so viel von euch lernen. Es ist viel einfacher, in diesem neuen und fragilen Gebiet Schritt, wenn wir Partner wie du haben. Thank you so much for being a part of this project! Wir sind sehr dankbar! -Monica

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